Fallbeispiel
UBS finanziert Agrarkonzerne, die im Amazonas in illegale Abholzung verwickelt sind
Eine neue Recherche der Gesellschaft für bedrohte Völker zeigt, dass die UBS 2021 die brasilianischen Agrarkonzerne Marfrig und BrasilAgro mit Geld versorgte, obwohl diese im Amazonas und dem daran angrenzenden Cerrado-Gebiet in Brasilien in zahlreiche Fälle von Brandrodung, sklavereiähnlichen Arbeitsbedingungen und Verletzung von Indigenenrechten verwickelt sind.

Jahr für Jahr werden im brasilianischen Amazonas-Regenwald riesige Flächen Wald zerstört. Allein im ersten Halbjahr 2022 wurde eine rekordhohe Fläche abgeholzt, die ziemlich genau der gesamten Waldfläche in den Schweizer Alpen entspricht. Wichtige Treiberin dieser Zerstörung ist die brasilianische Agrarwirtschaft, die von der zunehmenden Nachfrage nach Produkten wie Soja und Rindfleisch profitiert.
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Hier kostenlos bestellenSeit 2020 ist klar, dass auch die Schweizer Grossbank UBS am brasilianischen Agrarsektor mitverdienen will: So hat sie zusammen mit der Banco do Brasil die Investmentbank UBS BB gegründet, welche den brasilianischen Agrarsektor mit Geld globaler Investoren versorgt. Die UBS BB Investmentbank half im Frühling 2021 zwei stark umstrittenen Konzernen in Brasilien – Marfrig Global Foods S.A. und BrasilAgro – 1.240 Milliarden brasilianische Real (umgerechnet ca. 224 Millionen US Dollar) zu beschaffen, um ihre teils umstrittenen Geschäfte zu finanzieren.
Der vom Aussterben bedrohte Jaguar verliert im Amazonas durch die Abholzung seinen Lebensraum. © Carlos Eduardo Fragoso / Greenpeace.
Agrarkonzerne wurden finanziert, obwohl Probleme seit Jahren bekannt sind
Marfrig ist einer der weltweit grössten Rindfleisch-Produzenten. BrasilAgro produziert im grossen Stil Soja. Satellitenbilder zeigen, dass die beiden Agrarkonzerne und ihre Zulieferer seit 2009 mindestens 1500 km2 wertvolle Wälder illegal abgeholzt haben und auf Gebieten operierten, die indigenen Gemeinschaften im Amazonas gehören. Damit nicht genug: Einige Zulieferer von Marfrig wurden in den letzten Jahren wiederholt auf der Liste von Betrieben mit sklavereiähnlichen Arbeitsbedingungen aufgeführt, die vom brasilianischen Arbeitsministerium publiziert wird.
Die Zerstörung des Regenwalds im Amazonas hat nicht nur dramatische Auswirkungen auf den Klimawandel, weil der Wald einer der wichtigsten CO2-Speicher ist. Ebenso problematisch ist der drohende Biodiversitätsverlust vor Ort: So ist der Wald der Lebensraum für einige der am stärksten vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten, beispielsweise für den Blauara und den Jaguar.
Aus Berichten von indigenen Gemeinschaften in Brasilien geht zudem klar hervor, dass die Agrarwirtschaft ihre Lebensweise stark beeinträchtigt: Einerseits dehnen sich Anbau- und Weideflächen durch Abholzung immer mehr in von indigenen Gemeinschaften bewohntes Gebiet aus. Andererseits sterben durch den Pestizideinsatz Fische und Pflanzungen der indigenen Gemeinschaften werden zerstört. Wer sich gegen die Industrie wehrt, wird massiv bedroht oder sogar umgebracht:
Nach Angaben der NGO Global Witness liegt Brasilien an vierter Stelle weltweit, was die Zahl der getöteten Umweltschützer:innen und Landrechtsverteidiger:innen betrifft.
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Vielen Dank für deine Spende!UBS schwächt Nachhaltigkeitsrichtlinien ab
Wenige Tage vor dem ersten Finanzierungs-Deal für BrasilAgro hat die UBS die konzerneigenen Nachhaltigkeitsrichtlinien (Richtlinien zu Nachhaltigkeits- und Klimarisiken) zur Finanzierung von Sojaproduzenten abgeschwächt – mutmasslich weil die Richtlinien das Geschäft sonst nicht erlaubt hätten.
Während Sojaunternehmen wie BrasilAgro nämlich zuvor Mitglied des Standards Roundtable on Responsible Soy (RTRS) sein mussten, kann es für die UBS neu reichen, wenn das Unternehmen einen Plan aufstellt, sich bis zu einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft zu einem ähnlichen Standard zu verpflichten. Wirklich kontrolliert wird das kaum: Mit der Änderung besteht das grosse Risiko, dass der Plan der finanzierten Unternehmen nach Geschäftsabschluss nie umgesetzt wird.
Das Beispiel zeigt leider einmal mehr, dass «freiwillige» Regeln, wie sie von der Konzernlobby unablässig propagiert werden, nichts bringen und es endlich – auch in der Schweiz – ein griffiges Konzernverantwortungsgesetz braucht.

«Grüne» Anleihen der UBS tragen zu Abholzung bei
Eine Recherche von Unearthed und O Joio e O Trigo hat 2023 aufgedeckt, dass die UBS BB Investment Bank zusammen mit der BTG Pactual Bank dem brasilianischen Rohstoffhändler Caramuru im Oktober 2021 Anleihen im Wert von umgerechnet 63 Millionen Schweizer Franken bereitstellte. Die Anleihe wird als «grün» eingestuft, da Caramuru Biodiesel produziert und sich für eine «nachhaltige landwirtschaftliche Produktion engagiere».
Eine Liste im Anleihenbeschrieb listet alle Produzent:innen auf von welchen Caramuru Soja bezieht und die somit mutmassliche Empfänger der UBS-Gelder sind. Einige von ihnen sind in der Vergangenheit problematisch aufgefallen, wie etwa Antônio Galvan, der Präsident des brasilianischen Sojaverbands Aprosoja. Galvan ist wegen illegaler Abholzung von 5 Quadratkilometern tropischen Waldes, illegalen Sojaverkaufs sowie aussersaisonalen Anbaus von Soja verurteilt worden. Gegen einen anderen Produzenten, Werno Elger, wurde ermittelt, weil er angeblich fünf Personen, darunter auch Minderjährige, in sklavenartigen Zuständen festgehalten haben soll. Die Arbeiter:innen wurden im April 2021, also fünf Monate vor der Unterzeichnung der Anleihenausgabe, von der Regierung gerettet. Elger wurde anschliessend zwar freigesprochen, doch es wurde «eine Nichteinhaltung grundlegender Standards in Bezug auf Gesundheit, Sicherheit, Hygiene und Komfort am Arbeitsplatz» festgestellt.
Ana Cláudia Borges de Almeida Coelho figuriert auch auf der Liste als Lieferantin. 2021 wurde sie von der Staatsanwaltschaft Mato Grosse mit einer Busse von fast zwei Millionen Schweizer Franken belegt, da sie im Amazonas auf rund siebzehn Quadratkilometern illegal abgeholztem Land Getreide angebaut und Rinder gezüchtet hatte. Einem weiteren Produzenten, José Romanzini, wird Landgrabbing und Einschüchterung von Kleinbäuer:innen im Amazonasgebiet vorgeworfen.
Auf Anfrage von Unearthed schreibt Caramuru, dass diese Produzent:innen zwar auf der Liste erscheinen, dies aber nicht heisse, dass Caramuru auch wirklich Soja von ihnen bezieht. Vor jedem Kauf werde eine weitere Prüfung durchgeführt.
Im Juli 2022 vergab die UBS Caramuru eine zweite Anleihe im Wert von über 100 Millionen Schweizer Franken, wobei in diesem Fall eine detaillierte Liste der Produzent:innen fehlt, von denen Caramuru die Rohstoffe beziehen will. Insgesamt verdiente die UBS mit beiden Geschäften geschätzte 2.4 Millionen Franken.
Das ändert sich mit einem Konzernverantwortungsgesetz
Gäbe es in der Schweiz ein griffiges Konzernverantwortungsgesetz wie es die EU im Frühling 2024 beschlossen hat, dann hätte die UBS vor der Finanzierung der beiden Agrarkonzerne Marfrig und BrasilAgro prüfen müssen, welche Risiken bei den Konzernen in Bezug auf Klimaschäden durch Abholzung des Regenwalds bestehen und von einer Finanzierung absehen müssen, wenn die UBS nicht hätte sicherstellen können, dass die Konzerne die Probleme beheben.
Mehr Informationen
■ Ganzer Bericht «Abholzung in Brasilien: UBS finanziert umstrittene Agrarunternehmen» der Gesellschaft für bedrohte Völker
■ WOZ-Artikel « Die UBS in Brasilien – Illegal im Amazonas gerodet? Kein Problem » vom 19. Oktober 2023
■ Unearthed Recherche « UBS and Santander’s ‘green’ bonds linked to deforesters and rancher accused of slave labour in Brazil » vom 17. Oktober 2023
Weitere Fallbeispiele