Fallbeispiel
Nachhaltig vergiftet: Wie Lindt & Sprünglis Kakaobäuer:innen hochgiftigen Pestiziden ausgesetzt sind
Im Rahmen des Nachhaltigkeitsprogramms von Lindt & Sprüngli nutzen ghanaische Kakaobäuer:innen Pestizide, die in der EU und der Schweiz verboten sind – und gefährden damit ihre Gesundheit. Ecom, ein Schweizer Zwischenhändler, hat in Trainings sogar jahrelang aktiv gefährliche Pestizide an Bäuer:innen vertrieben, die für Lindt & Sprüngli Kakao anbauen.

«Es schmerzt mich meine Farm so zu sehen», sagt Osei Kwame Williams. Wir treffen den Kakaobauer auf seiner Farm in Mfanibu. Das kleine Dorf liegt in der ghanaischen Region Ashanti, die bekannt ist für ihren Kakao. Tausende von Kleinbäuer:innen bauen ihn hier an, auf kleinen Parzellen, die wie niedrige Wälder wirken, mit nur einer Baumart. Kakao ist nicht heimisch in Ghana und wird vorwiegend in Monokulturen angebaut. Oft wird dafür tropischer Regenwald gerodet. Williams Bäume sind gross und verästelt, man sieht, dass sie lange nicht mehr zurückgeschnitten wurden. Das sogenannte Pruning ist essenziell für die Gesundheit der Kakaobäume und eine gute Ernte. «Nun ist es zu spät», sagt Williams. Auch das Gras und Unkraut unter den Bäumen steht hoch. Es entzieht dem Boden Wasser, welche die Bäume nötig hätten, denn in den vergangenen Monaten hat es zu wenig geregnet. Die Klimakrise setzt den Bäuer:innen zunehmend zu. Phasen mit täglichen Höchsttemperaturen von über 32 °C haben sich im letzten Jahrzehnt um drei Wochen pro Jahr verlängert. Das ist zu heiss für die Kakaobäume.
Protestiere gegen die hochgiftigen Pestizide bei Lindt & Sprüngli
Protestbrief unterschreibenWilliams zeigt uns auf einer jungen, noch grünen Schote, die aus dem Stamm eines Kakaobaums herauswächst, ein kleines Insekt. Es ist eine Wanzenart, in Ghana «Akate» genannt. «Sie machen hier alles kaputt», sagt er. Unter einem der Bäume liegen zwei leere Plastikbehälter eines Insektizides mit dem Namen «Akate Star». Es scheint nicht gewirkt zu haben. Akate ist nicht die einzige Plage, mit welcher der Bauer kämpft: Auch die Blackpod-Krankheit macht ihm zu schaffen. Im Gras liegen schwarze Kakaoschoten, wie verbrannt. Sie sind von einem Pilz befallen. Zudem haben sich in manchen Baumstämmen Termiten angesiedelt und höhlen diese von Innen aus. Der Kakaoanbau in Ghana steckt derzeit in einer beispielslosen Krise . Am meisten leiden darunter Kleinbäuer:innen, wie Osei Kwame Williams, von welchen die meisten in Armut leben, weil sie ihre Bohnen nicht zu existenzsichernden Preisen verkaufen können.
Ghanas Kakaosektor in der Krise: Schädlinge, Ernteausfälle und Rekordpreise
Westafrika produziert 70 Prozent des weltweiten Kakaos. Ghana ist nach der Côte d’Ivoire der zweitgrösste Kakaoproduzent und produziert jährlich rund 800’000 Tonnen Kakao. Rund 850’000 Familien in Ghana sind vom Kakaoanbau abhängig; es ist das wichtigste landwirtschaftliche Exportgut des Landes. Aktuell befindet sich der Kakaosektor in einer beispielslosen Krise: Ghanas Kleinbäuer:innen kämpfen mit Schädlingsplagen und der Klimakrise. Viele Böden sind durch die Trockenheit, den Kakaoanbau in Monokulturen und den zunehmenden Einsatz von Düngern und Pestiziden ausgelaugt. Der illegale Goldabbau, lokal «Galamsey» genannt, zerstört ganze Landstriche, vergiftet Flüsse mit Quecksilber und Schwermetallen und frisst sich zunehmend in Kakaoanbaugebiete. Zudem sind viele Farmen mittlerweile vom «Swollen shoot»-Virus befallen, einem Virus, das in den ersten beiden Jahren nach Befall bis 50 Prozent der Ernte dahinrafft. Später stirbt der Baum ab. Ein Mittel dagegen gibt es nicht. Die Bäume müssen ausgerissen und verbrannt werden.
In der Folge kam es in Ghana und der Côte d’Ivoire in den letzten Jahren zu grossen Ernteausfällen. Der Weltmarktpreis für Kakao schoss in die Höhe und hat sich seit 2022 verfünffacht. 2024 erreichte er Rekordwerte von über 12’000 US-Dollar pro Tonne. Die Kakaoimporteure und Schokoladenproduzenten haben die Preissteigerungen an die Konsumenten weitergegeben und schreiben nach wie vor grosse Gewinne. Kakaobäuer:innen in Ghana haben von diesem Preisanstieg praktisch nichts gemerkt, anders als Bäuer:innen in Südamerika. Das hat auch mit der Kakaobürokratie in Ghana zu tun. Das staatliche Ghana Cocoa Board (Cocobod) legt den Preis, den die Kleinbäuer:innen pro Sack Kakao erhalten, jeweils ein Jahr im Voraus fest. Über 30 Prozent der Exportpreise streicht die Behörde für Marketing, Qualitätskontrolle, Steuern und Sprayprogramme selbst ein. Viele Bäuer:innen beklagen sich über Ineffizienz und Korruption bei Cocobod. Das Geld, das ihnen zustehen würde, versickere in der Bürokratie. 2024 verdienten Kakaobäuer:innen in Ghana durchschnittlich rund 2000 US-Dollar pro Jahr. Die aktuelle Kakao-Wertschöpfungskette entspricht der marktwirtschaftlichen Weiterführung eines kolonialen Systems, in dem Arbeitskräfte in Afrika für Gewinne in Europa ausgebeutet werden.
Auf der Webseite tanzen die Kakaobäuerinnen
Auf dem Papier ist Williams Farm ein «demo plot», eine Demonstrationsfarm des Schokoladenproduzenten Lindt & Sprüngli. Am Rand der Farm, zur Strasse hin, versteckt im hohen Gras, macht ein Metallschild auf die Zusammenarbeit aufmerksam. Das Logo des «Lindt & Sprüngli Farming Programs» ist vom Regen ausgewaschen und fast nicht mehr erkennbar. Das Schweizer Unternehmen bezieht den Hauptanteil seiner Kakaobohnen aus Ghana, die es in Kilchberg und weiteren Fabriken weltweit zu Schokoladentafeln, Ostereiern und Pralinés weiterverarbeitet. Mit über 61`000 ghanaischen Kakaobauern und -bäuerinnen arbeitet das Unternehmen nach eigenen Angaben zusammen. Mehr als in jedem anderen Land, aus dem Lindt & Sprüngli Kakao importiert.
Sie alle sind Teil des «Farming Program». «Mit dem Farming Program möchten wir dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit der Kakaobäuerinnen und -bauern sowie ihrer Familien zu stärken und nachhaltigere Anbaumethoden zu fördern», schreibt eine Mediensprecherin von Lindt & Sprüngli auf Anfrage. Das entsprechende Logo, eine gelbe Kakaoschote auf braunem Hintergrund, findet sich auf den meisten Produkten von Lindt & Sprüngli. Es soll bei den Kund:innen, vor allem in Europa und den USA, dafür bürgen, dass der Kakao nachhaltig und fair produziert wurde. Auf der Webseite des Programms werden Bilder von lachenden und tanzenden Kakaobäuerinnen gezeigt. Alles sehr farbig und positiv. Geht es nach dem Schokoladenfabrikanten aus Kilchberg, so ist Osei Kwame Williams verwilderte Farm der Ausdruck einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

«Früher war Lindt in dieser Region der grösste Abnehmer von Kakao», erzählt Williams. 2014 hätten ihn Agronom:innen von Ecom angesprochen. Das Schweizer Rohstoffhandelsunternehmen ist der wichtigste Partner von Lindt & Sprüngli in Ghana und setzt dessen Nachhaltigkeitsprogramm um . Sie hätten nach einer Kakaofarm nahe der Strasse gesucht, die mit dem Auto einfach zugänglich ist. Der Bauer verpachtete ihnen einen Teil seines Landes. Dafür erhielt er 250 Ghana Cedi pro Monat, rund 20 US-Dollar. Und er wurde von den Ecom-Agronom:innen kostenfrei mit chemischem Dünger und Insektiziden versorgt. Lindt finanzierte eine kleine Schule im Dorf und versprach laut Williams auch den Bau eines Brunnens. Diesen gäbe es jedoch bis heute nicht. Die Ecom-Agronom:innen nahmen Bodenproben, sie schnitten die Bäume zurück und brachten Sprayer, um die Bäume mit Pestiziden zu behandeln. Mit «Confidor» und «Akate Master», wie sich der Kleinbauer erinnert. «Sie spritzten jeden Monat von April bis November; so oft, wie ich es mir sonst nie hätte leisten können.» Die Ernten auf dem «demo plot» waren gut; wesentlich besser als auf seinem restlichen Land. Ecom versammelte Kakaobäuer:innen aus der Umgebung für Trainings auf Williams Farm. Dort lernten Kakaobäuer:innen nicht nur die Theorie einer nachhaltigen Schädlingsbekämpfung, sondern auch wie man synthetische Dünger und Pestizide einsetzt, um möglichst hohe Erträge zu erzielen. Damals habe er auf etwas weniger als einer halben Hektare zehn Säcke Kakao geerntet, erzählt Williams. «Heute sind es noch knapp vier.»
Milliardengewinne in der Schweiz; bittere Armut in Ghana
Schokolade ist ein globales Milliardenbusiness: Jährlich wird damit laut der Marktforschungsagentur IBIS World 226 Milliarden US-Dollar umgesetzt . Die Schweiz ist ein globales Schwergewicht im Kakaohandel: Vier der zwölf grössten Kakaoverarbeiter, -händler und Schokoladenproduzenten haben ihren Sitz in der Schweiz: Barry Callebaut, Ecom, Nestlé und Lindt & Sprüngli. Anders als für die Kakaobäuer:innen in Ghana läuft das Geschäft für Lindt & Sprüngli derzeit prächtig: 2024 machte das Unternehmen einen Umsatz von 5.5 Milliarden und einen Betriebsgewinn (EBIT) von 884 Million Schweizerfranken. Im Oktober 2025 war das Unternehmen an der Börse rund 30 Milliarden Schweizerfranken wert. 2024 importierte Lindt & Sprüngli gesamthaft 142’929 Tonnen an Kakaobohnen-Äquivalenten (Bohnen, Butter, Pulver und Schokomasse). Rund 90 Prozent davon stammen aus Ghana und der Côte d’Ivoire. Lindt & Sprüngli ist heute in 120 Ländern präsent, beschäftigt über 15’000 Mitarbeitende (davon ein einziger in Ghana) und betreibt 560 eigene Shops.
2020 hat Lindt & Sprüngli das «Home of Chocolate» in Kilchberg eröffnet, ein Museum in einem 100 Millionen Franken teuren Gebäude, von den «Stararchitekten Christ & Gantenbein designt», wie es auf der Webseite heisst. In der riesigen Halle steht ein neun Meter hoher und drei Tonnen schwerer Brunnen in dem unaufhörlich 1400 Kilogramm «echte Schokolade» ab einem goldigen Schwingbesen fliessen. In einem 500 Quadratmeter grossen Shop können sich die jährlich 350`000 Besuchenden aus aller Welt mit Lindt-Produkten eindecken. Eröffnet wurde der Schokotempel von Roger Federer, seit 2009 Markenbotschafter für Lindt & Sprüngli. Von der prekären Situation der Kakaobäuer:innen in Westafrika und der kolonialen Vergangenheit des Kakaogeschäfts erfährt man im «Home of Chocolate» nichts. Über 90 Prozent der ghanaischen Kakaobäuer:innen verdienten 2024 weniger als die 4315 US-Dollar, die zum Abdecken der Grundbedürfnisse und für ein Leben ohne Armut nötig wären (Adjusted Living Income Benchmark) . Manche sprechen von einer «poverty trap», einer Armutsfalle. Während Schokoladenhersteller in Europa und den USA mit Kakao Milliardenumsätze machen, bleiben die Produzent:innen in Westafrika arm. Noch immer gehen 90 Prozent der Marge von Schokoladeprodukten an die Schokoladenfabrikanten, die Zwischenhändlerinnen und Detailhändler in Europa und den USA. Weniger als 7.5 Prozent der Marge bleiben in den Kakaoproduzierenden Ländern Afrikas.
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Teilweise werden die hochgiftigen Pestizide mit blossen Händen gemischt. © Francis Kokoroko
Risiko für Nervensystem und Entwicklungsfähigkeit
Die Insektizide «Confidor» und «Akate Master», die von den Ecom-Agronom:innen auf Williams Farm gebracht wurden, enthalten Wirkstoffe, die in der EU und der Schweiz verboten sind, weil sie die menschliche Gesundheit und die Umwelt gefährden. Sie werden vom «Pesticide Action Network» (PAN), auf das sich viele Forschende und NGOs berufen, als «highly hazardous pesticides» (HHP), als hochgefährliche Pestizide eingestuft. «Bestimmte HHPs sind dafür bekannt, dass sie akute und chronische Gesundheitsschäden verursachen», sagt Joey Salmon, Projektmitarbeiter bei PAN UK. «Sie können die Funktion des Nervensystems sowie die Fortpflanzungs- und Entwicklungsfähigkeit beeinträchtigen.» Der weit verbreitete Einsatz in der ghanaischen Kakaoproduktion sei besorgniserregend, vor allem hinsichtlich der Gesundheit in den kakaoproduzierenden Gemeinden. «Es wäre dringend notwendig, auf weniger schädliche landwirtschaftliche Methoden umzustellen, die auf agrarökologischen Prinzipien basieren.»
Hochgiftige Pestizide in Ghanas Kakaoanbau
Ghana wird genauso wie viele andere afrikanische Agrarmärkte mit Pestiziden geflutet. Heute stammen viele Produkte aus China und Indien. Sie sind oft günstiger als diejenigen von Herstellern, wie Syngenta, BASF oder Bayer. Für einen Liter «ParaForce», ein Herbizid mit dem tödlichen Wirkstoff Paraquat, bezahlen die Bauern 35 Ghana Cedi pro Liter, etwas mehr als zwei Franken. «King Kong», ein Produkt mit dem Herbizid Glyphosat, das laut der «Internationalen Agentur für Krebsforschung» der Weltgesundheitsorganisation (WHO) «wahrscheinlich krebserregend für den Menschen» ist , gibt es für 3 Franken pro Liter. Laut einem Bericht der University of Chicago basierend auf Haushaltsbefragungen stiegen die jährlichen Ausgaben für Insektizide pro Haushalt zwischen 2013/14 und 2018/19 von 267 auf 745 US-Dollar pro produzierte Tonne Kakao; bei Herbiziden von 230 auf 481 US-Dollar pro Tonne. Letzteres ist auch eine Folge von fehlenden Arbeitskräften auf den Farmen. Die Jungen suchen Arbeit in den illegalen Goldminen, wo sie mehr verdienen als auf den Farmen. Um das manuelle Jäten unter den Bäumen zu kompensieren, nutzen Bäuer:innen zunehmend Herbizide.
In Ghanas Kakaoanbau werden viele Pestizide mit den Wirkstoffen Bifenthrin, Imidacloprid und Thiamethoxam eingesetzt. Das «Pesticide Action Network» (PAN), auf das sich viele Forschende und NGOs berufen, stufen diese Wirkstoffe als hochgefährlich (highly hazardous) ein. Die beiden Neonicotinoide Imidacloprid und Thiamethoxam gelten als hochgefährlich für Bienen und weitere Bestäuber und reichern sich in der Umwelt und in den Böden an . Die Europäische Kommission hatte den Einsatz von Imidacloprid und Thiamethoxam bereits 2013 eingedämmt und später komplett verboten. Dies gestützt auf eine Einschätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit und basierend auf der damaligen wissenschaftlichen Evidenz. Die Agrochemieindustrie hatte die Einschränkungen vehement bekämpft.
Eine Studie von 2014 hat Konzentrationen des Wirkstoffs Imidacloprid in Ghanas Böden von 4.3 bis 251.4 ng/g gefunden . Dies ist laut der «Academy of Sciences of South Africa» sehr hoch im Vergleich mit den Höchstwerten von Studien in Europa. Auch in Kakaobohnen und in den Schoten konnte Imidacloprid bereits nachgewiesen werden. Wissenschaftler:innen haben in Ghana auch Rückstände von Aldrin, Lindan und Endosulfan in Kakaobohnen nachgewiesen – Wirkstoffe, die auf den Verbotslisten internationaler Vereinbarungen wie der Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe stehen. Forschende der Universität Wageningen haben Kakao- und Gemüsebauern in Ghana befragt und herausgefunden, dass Pestizide oft falsch, nicht ihrem Anwendungszweck entsprechend und zu oft eingesetzt werden. Die Befragten setzten bis zu 13-mal mehr Pestizide ein, als es von den Herstellern empfohlen wird . Eine Studie der University of Cape Coast von 2019 zeigte wiederum, dass von 144 befragten Landwirten 80 Prozent keine persönliche Schutzausrüstung tragen und 84 Prozent die Pestizidbehälter auf dem Feld entsorgen.
Kommt hinzu: Confidor enthält den Wirkstoff Imidacloprid. Dieser gehört zur Klasse der Neonicotinoide, die sich als «Bienenkiller» einen Namen gemacht hat. Sie greifen das Zentralnervensystem von Insekten an. In der Folge sterben sie. In der EU wurde Imidacloprid 2018 aufgrund «inakzeptabler» Risiken für Bienen verboten.
Wir haben im Rahmen dieser Recherche siebzehn Kakaobäuer:innen in der Umgebung von Tepa und Goaso interviewt. Sieben verkaufen ihre Bohnen an Ecom, Lindts wichtigsten lokalen Partner und Einkäufer in Ghana. Und vier sind Teil des «Lindt & Sprüngli Farming Programs» – oder waren es einmal, darunter Williams. Alle Interviewten haben uns erzählt, dass sie regelmässig Pestizide einsetzen, die zwar in Ghana zugelassen sind, nach PAN jedoch als hochgefährlich klassifiziert und in der EU und der Schweiz verboten sind.
Kritik an Doppelmoral der EU
Vor drei Jahren besuchte der UN-Sonderberichterstatter für toxische Substanzen und Menschenrechte, Marcos Orellana, Ghana. In seinem Bericht kritisiert er die Doppelstandards von westlichen Industriestaaten scharf und empfiehlt der ghanaischen Regierung sämtliche Importe von hochgefährlichen Pestiziden zu verbieten, die in den Herkunftsländern verboten oder deren Nutzung dort eingeschränkt ist. Es gehe um die Wahrung von Menschenrechten: «Jede Person in Ghana hat das Recht in einer sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt zu leben», schreibt er im Bericht. Epidemiolog:innen würden seit 25 Jahren den Zusammenhang zwischen Pestizidexposition und menschlicher Gesundheit untersuchen, vor allem durch die Beobachtung von Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Dabei hätten sie die unverhältnismässig hohe Häufigkeit chronischer und neurodegenerativer Erkrankungen, insbesondere Parkinson, sowie von Krebserkrankungen, vor allem Blut- und Prostatakrebs, bei Landarbeitern immer wieder hervorgehoben.
Eine aktuelle Auswertung der NGO «Public Eye» zusammen mit der Greenpeace-Rechercheplattform «Unearthed» zeigt, dass EU-Mitgliedsländer 2024 den Export von fast 122’000 Tonnen Pestiziden genehmigten, die auf dem eigenen Staatsgebiet wegen inakzeptabler Risiken für Gesundheit oder Umwelt nicht zugelassen sind. Das ist gut 50 Prozent mehr als noch 2018. Auf der Liste der Abnehmer stehen 93 Staaten, drei Viertel davon Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, darunter auch Ghana.
Die meisten interviewten interviewten Kakaobäuer:innen setzen regelmässig Pestizide ein, die zwar in Ghana zugelassen sind, nach PAN jedoch als hochgefährlich klassifiziert und in der EU und der Schweiz verboten sind. © Francis Kokoroko
Gifte in der Lieferkette
Auf seiner Webseite listet Lindt & Sprüngli fünf Grundsätze für eine verantwortungsvolle Kakaobeschaffung auf, darunter «langfristige Partnerschaften» mit Lieferanten, «verantwortungsvolle Beschaffung» und «rückverfolgbare und transparente Lieferketten» . Wir fragen bei Lindt & Sprüngli nach, inwiefern der Einsatz von hochgiftigen Pestiziden im Rahmen seines Nachhaltigkeitsprogramms zum Grundsatz der «verantwortungsvollen Beschaffung» passt. «Eine Überprüfung der Einhaltung der Pestizidliste ist eine wichtige Anforderung, die von den Lieferanten (einschliesslich Ecom) sichergestellt werden muss», schreibt die Mediensprecherin. Diese «Pestizidliste» ist jedoch weder öffentlich zugänglich, noch gibt sie Lindt & Sprüngli auf Anfrage heraus. «Das ist aufgrund von vertraglichen Pflichten nicht möglich», so die Sprecherin. Gerne hätten wir auch gewusst, wo die insgesamt 1060 «demo plots» in Ghana liegen, von welchen Lindt behauptet, dass dort Nachhaltigkeitstrainings stattfinden und «die Produktion und Anwendung organischer Pflanzenschutzmittel und Düngemittel gefördert wird.» Doch auch hier blockt das Unternehmen. Die Liste der Demoplots könne «aus Datenschutzgründen» nicht offengelegt werden, so die Sprecherin.
Protestiere gegen die hochgiftigen Pestizide bei Lindt & Sprüngli
Protestbrief unterschreibenLindt & Sprüngli hat die Umsetzung seines «Farming Program» vollständig outgesourct. In Ghana gleich an mehrere Rohstoffhandelsfirmen, die vor Ort aktiv sind, darunter «Olam International Limited», «Touton SA» und «Ecom Agrotrade Ltd.». Einerseits führen diese Trainings mit den Bäuer:innen vor Ort durch, andererseits kaufen sie ihnen die Kakaobohnen im Auftrag von Lindt & Sprüngli ab. Der Schokokonzern selbst beschäftigt in Ghana genau einen einzigen Mitarbeiter, der das Programm überwacht. Für den direkten Kontakt mit den Bäuer:innen sind 360 Mitarbeitende bei den drei genannten Handelsfirmen verantwortlich, die vollumfänglich vom Schokoladenproduzenten in der Schweiz bezahlt werden. Der wichtigste Partner in Ghana ist Ecom, ein weltweit operierender und milliardenschwerer Rohstoffhandelskonzern mit Hauptsitz in Pully im Kanton Waadt, der sich auf den Handel mit Kakao, Kaffee und Baumwolle spezialisiert hat.

Ecom – der Kakaoriese, von dem die wenigsten je gehört haben
Ecom (ECOM Agroindustrial Corp. Ltd.) ist ein globaler Rohstoffhandels- und -verarbeitungskonzern mit Hauptsitz in Pully, nahe Lausanne. 2017 hatte er über 5400 Mitarbeitende weltweit . Ecom verkauft Rohstoffe an grosse Marken wie Nestlé, Starbucks, Mars und Lindt & Sprüngli. Die Ursprünge des Konzerns reichen bis ins Jahr 1849 zurück, als er mit Baumwolle zu handeln begann. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erfolgte die Expansion in den Kaffee- und Kakaomarkt. Die Gruppe ist durch Übernahmen stark gewachsen, blieb aber ein Privatunternehmen. Es ist nicht an der Börse kotiert und publiziert keine Handelszahlen. Dun & Bradstreet, ein Anbieter von Unternehmensdaten, schätzte die Einnahmen des Konzerns 2022 auf rund 4.95 Milliarden US-Dollar. Gemäss Zahlen von 2019 gehört ECOM auch in der Baumwoll- und Kakaobranche zu den weltweit grössten Händlern .
ECOM hat seine Präsenz in Ghana kontinuierlich ausgebaut und ist heute eine der grössten privaten «licenced buying companies» (LBCs) für Kakao. Nach eigenenen Angaben arbeitet das Unternehmen mit rund 140`000 Bäuer:innen in allen kakaoproduzierenden Regionen Ghanas zusammen und kauft jährlich zwischen 100’000 und 130’000 Tonnen Kakao ein. Dafür betreibt das Unternehmen in Ghana eine eigene Flotte mit 130 Lastwagen. Das Firmenkonstrukt von Ecom in Ghana ist undurchsichtig. Zur Unternehmensgruppe gehören AgroEcom Ghana Limited, Unicom Ghana Limited, Sustainability Management Services (SMS), Sourcetrust Ghana Limited, Unicom Specialty Commodities, JNF Properties Limited, Kiteko Ghana Limited und Crop Doctor Ghana Limited . Nach eigenen Angaben bietet «Crop Doctor Ghana Limited» «hochwertige Betriebsmittel und Geräte an und fördert innovative landwirtschaftliche Ansätze, die den Ertrag der landwirtschaftlichen Betriebe steigern». Nirgends steht jedoch, dass Crop Doctor auch mit hochgefährlichen Pestiziden (HHPs nach PAN-Klassifizierung) handelt und diese jahrelang in Trainings an Kleinbäuer:innen vermarktet hat.
Gemäss eigenen Angaben, arbeitet Lindt & Sprüngli in Tepa und Goaso, zwei Distrikten nordwestlich der Provinzhaupstadt Kumasi, mit 2400 Bäuer:innen zusammen. Vor Ort Anzeichen von Lindts Präsenz zu finden, ist jedoch schwierig. Wir finden das Logo des «Lindt & Sprüngli Farming Program» einzig bei Depots von Ecom in Tepa, wo die Bohnen in Säcken für den Export gesammelt werden. Praktisch alle Bäuer:innen in Tepa und Goaso, welchen wir das Logo auf dem Smartphone zeigen, winken ab; noch nie gesehen oder gehört.
Für die enge Zusammenarbeit mit den Produzent:innen, die das Unternehmen in ihrer Kommunikation gerne suggeriert, finden wir vor Ort keine Hinweise. Die meisten Bäuer:innen haben keine Ahnung, wo ihre Bohnen landen. Sie verkaufen diese einem lokalen Einkäufer (local buying clerk), der von einer staatlich lizensierten Einkaufsfirma (licenced buying company), zum Beispiel Ecom, Geld erhält, um den Bäuer:innen ihre Kakaobohnen abzukaufen. Ecom kann jedoch nicht direkt in die Schweiz exportieren, sondern verkauft die Bohnen zuvor an das staatliche «Ghana Cocoa Board» (Cocobod), das sämtliche Exporte regelt. Die meisten Kakaobäur:innen kennen den Namen der lizensierten Einkaufsfirma, an welchen sie ihre Bohnen verkaufen. Aber die wenigsten kennen den Schokoladenproduzenten, für dessen Produkt sie den Rohstoff liefern. Die Kakaolieferkette ist notorisch intransparent. Lindt & Sprüngli wirbt hingegen mit einem «Bean to Bar approach». Auf der Webseite des Unternehmens heisst es: «Nur wenn wir wissen, wo unsere Kakaobohnen angebaut werden, können wir Einfluss auf die Lebensbedingungen der Bauernfamilien in den Kakao produzierenden Ländern nehmen.»
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Vielen Dank für deine Spende!Willkommene Prämie, aber kein fairer Preis
Joseph, dessen richtiger Name uns bekannt ist, aber den wir hier zu seinem Schutz nicht nennen, gehört zu denjenigen, die Lindt & Sprüngli kennen. Er lebt in Akwaiase, einige Kilometer ausserhalb von Tepa. Als wir ihn besuchen, sitzt er auf einem Plastikstuhl unter einem Mangobaum. Vor ihm liegt ein grosser Haufen mit schwarzen, verrottenden Kakaoschalen. Hinter ihm ein Brunnen, ein Motorrad, ein Schopf und ein einfaches Haus aus unverputztem Backstein, von einem Wellblechdach gekrönt. Darin lebt er gemeinsam mit seiner Frau und acht Kindern. Er trägt schwarze Sandalen, beige Stoffhosen und ein verschmutztes T-Shirt. Über seinem schwarzen Vollbart lächeln zwei müde Augen.

Er hat mehrere Trainings besucht, die von Ecom im Rahmen des «Lindt & Sprüngli Farming Program» organisiert wurden. Für die Teilnahme wurde ihm vergangenen Herbst eine Prämie von rund 150 US-Dollar auf sein Handy überwiesen, für 18 Säcke Kakao, die er an Ecom lieferte. Darüber hat er sich gefreut und er hofft, dass die Prämie dieses Jahr noch etwas höher sein wird. Denn ein fairer Preis für seinen Kakao sei das noch lange nicht, sagt Joseph. Der Preis pro Sack lag im Juni bei 3100 Ghana Cedi (rund 250 US-Dollar). Dieser wird vom staatlichen Ghana Cocoa Board (Cocobod) bestimmt. Für Joseph läge ein fairer Preis bei etwa 7000 Ghana Cedi (570 US-Dollar). Lindts «Nachhaltigkeitsprämie» von rund 8 US-Dollar pro Sack ändert an dieser Diskrepanz wenig.
Aktuell machen Joseph neben dem tiefen Preis vor allem die Schädlinge zu schaffen. «Wir spritzen praktisch jeden Monat – und wenn die Chemikalien nicht so teuer wären, dann würden wir sogar zweimal pro Monat spritzen.» Er bringt uns zu einem Holzschopf vor dem Haus. Dort bereitet gerade eine Frau auf offenem Feuer das Essen zu. Im Schopf lagert er seine Agrochemikalien und einen Overall, den er jeweils zum Spritzen anziehe. Er holt einen Jutesack hervor und zeigt uns den Inhalt: Darin liegen Plastikgebinde mit «Acati Power», «Konmidor» und «Akate King». Drei Insektizide, welche die Wirkstoffe Thiamethoxam, Imidacloprid und Bifenthrin enthalten. Sie alle sind in der EU und der Schweiz nicht mehr zugelassen, weil sie gefährlich für Gesundheit oder Umwelt sind.
Das Insektizid «Galil 300 SC» von der Syngenta-Tochterfirma Adama enthält die Wirkstoffe Imidacloprid und Bifenthrin. Beide sind laut PAN hochgefährlich und in der EU und der Schweiz verboten. © Francis Kokoroko
Auch Paraquat für Kakaoanbau
«Die meisten Kakaobäuer:innen in Ghana sehen heute keine Alternative mehr zum Einsatz von Pestiziden», sagt Issifu Issake, Präsident der «Ghana Coooperative Cocoa Farmers Association», einer Dachorganisation die 75 Verbände und tausende von Kakaobäuer:innen in neun Regionen vertritt. Darunter auch solche, die ihre Bohnen an Ecom und Lindt & Sprüngli verkaufen. «Aber die wenigsten nutzen beim Spritzen Schutzkleidung, was eine grosse Gefahr für ihre Gesundheit ist», sagt er. Um dieser negativen Spirale zu entkommen, habe er selbst nun begonnen biologisch zu produzieren und verzichte nun auf chemische Pestizide, erzählt Issake. Das sei zwar zu Beginn aufwändiger und teurer, längerfristig, aber besser für die Gesundheit, für die Böden und für die Resilienz gegenüber der Klimakrise. Seine Organisation versuche die Bäuer:innen für die Gefahren des ungeschützten Pestizideinsatzes zu sensibilisieren. «Aber die meisten sind verzweifelt. Sie setzten auf ihren Feldern ein, was immer sie in den Agroshops für Produkte finden.»
Wir haben für diese Recherche fünf Agroshops in der Region Ashanti besucht, darunter auch einen der mit dem «Ghana Cocoa Board» (Cocobod) zusammenarbeitet. Die staatliche Behörde forscht und gibt Empfehlungen ab, welche Agrochemikalien für den Kakaoanbau eingesetzt werden sollen. Die meisten Kakaobäuer:innen richten sich danach. Alle besuchten Shops verkaufen zahlreiche Pestizide, deren Wirkstoffe in der EU und der Schweiz nicht mehr zugelassen sind. Die Produkte heissen «Akate Star», «Akate Rock Star» oder «Aceta Star» (mit dem Wirkstoff Bifenthrin), «Galil 300 SC» (mit dem Wirkstoff Imidacloprid) sowie «Actara 240 SC» und «Acati Power» (mit dem Wirkstoff Thiamethoxam). Auffallend in den Shops und auf den Feldern ist die hohe Anzahl an Insektiziden der Marke «Adama». Der israelische Agrochemiekonzern gehört seit 2017 zur «Syngenta Group» mit Hauptsitz in Basel.
Syngenta verdient an Kakaobäuer:innen mit
Auch «Syngenta», einer der weltweit grössten Pestizidproduzenten, mit Hauptsitz in Basel, mischt im Pestizidgeschäft Ghanas mit. Ein Mediensprecher bestätigt auf Anfrage, dass Syngenta eng mit dem Ghana Cocoa Board (COCOBOD) zusammenarbeitet. Syngenta beliefere Cocobod aktuell mit zwei Produkten, «Ridomil gold plus» and «Pergado Ultra». Beide sind auch in der EU und der Schweiz zugelassen. In den Agroshops finden sich jedoch auch zahlreiche Pestizide von Syngenta und von «Adama» (Teil der Syngenta Group seit 2017), die in Europa und der Schweiz verboten sind. Darunter «Actara 240 SC» mit dem Wirkstoff Thiamethoxam von Syngenta und «Galil 300 SC» mit Imidacloprid von Adama. Für Syngenta sind Verbote in der EU jedoch kein Grund für Exportverbote nach Afrika. Das Unternehmen schreibt diesbezüglich: «Es ist anzumerken, dass in vielen Entwicklungsländern Versuche externer Stellen, EU-Grundsätze durchzusetzen, vor Ort als neokolonialistisch wahrgenommen werden können, da sie lokales Fachwissen und den lokalen Kontext ausser Acht lassen.» Syngenta sieht sich also quasi auf antikolonialer Mission – durch den Verkauf von in der EU verbotenen und nachweislich gesundheits- oder umweltgefährdenden Wirkstoffen. Laut Marcos Orellana, UN-Sonderberichterstatter für toxische Substanzen und Menschenrechte, verletzen diese aber das Recht der ghanaischen Bevölkerung in einer sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt zu leben.
Syngenta und andere grosse Agrochemiekonzerne pflegen über den Agrochemie-Lobbyverband «Crop Life» enge Beziehungen zu den ghanaischen Zulassungsbehörden. Marcos Orellana zeigte sich in seinem Bericht zu Ghana von 2023 denn auch besorgt, dass «Geschäftsinteressen der Agrochemie im Pesticides Technical Committee vertreten sind und diese dadurch die Registrierung von Pestiziden in Ghana direkt beeinflussen.» Syngenta ist auch Mitglied der «Swiss Platform for Sustainable Cocoa» (SWISSCO), die sich für «die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kakaobauern, Schutz der natürlichen Ressourcen und Förderung der biologischen Vielfalt in den Kakao produzierenden Ländern» einsetzen will, wie es auf der Webseite heisst. Auch Lindt & Sprüngli und Ecom sind Mitglieder dieser Plattform.
Auch findet man in den Shops eine Reihe von Paraquat-Produkten mit Namen wie «Gramostrong», «ParaeForce» und «Haouquat». Es sind Kopien des Syngenta-Originals «Gramoxone», meist produziert von chinesischen und indischen Herstellern. Paraquat ist mittlerweile in über 70 Ländern verboten, in der Schweiz seit 1989 und in der EU seit 2007. Vor allem aufgrund der hohen Toxizität. Ein kleiner Schluck reicht aus, damit die Organe versagen. Paraquat ist berüchtigt dafür, dass es von verzweifelten Kleinbäuer:innen im globalen Süden genutzt wird, um sich umzubringen. Es wird vor allem im Gemüseanbau eingesetzt. Aber mehrere Bauern erzählen uns, dass sie Paraquat auch zur Unkrauttilgung unter den Kakaobäumen nutzen.
Paraquat – und die hohe Dunkelziffer an Pestizidvergiftungen
Unfälle sowie gewollte Vergiftungen mit Pestiziden gehörten zu den Hauptgründen, weshalb ihn Bürgerinnen kontaktieren, sagt der Toxikologe Caesar Nyadedzor, Leiter des «Ghana Poison Control Centre», einer Fachstelle des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Accra. «Pestizide, vor allem die hochgefährlichen, auch HHPs genannt, sind definitiv ein Public Health-Problem in Ghana», sagt er. Besonders die breite Verfügbarkeit von Herbiziden mit dem Wirkstoff Paraquat bereitet ihm Sorgen. Paraquat wird vor allem im Gemüseanbau eingesetzt, aber auch von Kakaobäuer:innen zum Vernichten der Gräser und Unkräuter unter den Kakaobäumen. Es ist wegen seiner hohen Toxizität mittlerweile in über 70 Ländern verboten. 35 mg pro kg Körpergewicht sind bei Verschlucken tödlich33. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass eine langfristige Exposition mit niedrigen Dosen zu einem höheren Risiko führt, an Parkinson zu erkranken34. Nyadedzor hat in den letzten Jahren mehrere Fälle von tödlichen Vergiftungen mit Paraquat dokumentiert. Die Dunkelziffer von Vergiftungen und Suiziden sei jedoch hoch, sagt er. «Anders als in vielen anderen Staaten sind die Gesundheitszentren und Spitäler nicht verpflichtet, uns solche Fälle zu melden.» Er plädiert dafür, dass das Gesundheitspersonal besser ausgebildet wird, sodass es künftig Pestizidvergiftungen diagnostizieren und registrieren kann. Doch Nyadedzor fehlt es an Geld und Mitarbeitenden – er ist alleine für die Vergiftungen im ganzen Land zuständig. «Paraquat wäre der erste Wirkstoff, den ich verbieten würde, wenn ich dies könnte», sagt er. Er plädiere seit vielen Jahren für ein Verbot von hochgefährlichen Pestiziden und habe seine Bedenken immer wieder bei den Behörden eingebracht. Bisher ohne Erfolg, wie die breite Verfügbarkeit von Paraquat und anderen hochgefährlichen Pestiziden in Ghana zeigt.
© Francis Kokoroko
Bauern erzählen von Hautreizungen, brennenden Augen und Atemlosigkeit nach dem Spritzen. © Francis Kokoroko
Hautreizungen, brennende Augen und Atemlosigkeit
Der Einsatz von Pestiziden hat in Ghana in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Laut einem FAO-Bericht von 2023 werden in Ghana 9700 Tonnen Pestizide jährlich eingesetzt; rund sieben Mal mehr als noch 2010. 2020 waren in Ghana 246 Insektizide und 272 Herbizide zugelassen. Unter den Insektiziden sind zahlreiche Neonicotinoide, die für das drastische Bienensterben in Europa verantwortlich gemacht werden. In Ghana wurde die Population an Mücken, welche die Blüten des Kakaobaums bestäuben, durch den Einsatz solcher Neonicotinoide dermassen dezimiert, dass sich die Regierung 2017 dazu veranlasst sah, ein nationales Programm zur Handbestäubung von Kakaobäumen zu starten. Rund 30’000 Jugendliche wurden dafür eingestellt . Zwischen 70 und 85 Prozent der Bäuer:innen in Ghana setzen heute Agrochemikalien ein, das zeigen aktuelle Erhebungen. Mehrere Kakaobäuer:innen erzählen uns, dass sie rund einen Drittel ihrer Einnahmen für Agrochemikalien ausgeben. Viele müssen für den Kauf von Pestiziden Kredite aufnehmen und verschulden sich dadurch.
Ökokollaps wegen fehlender Nützlinge
Laut UNEP werden von insgesamt 2.3 Millionen Hektaren Kakao, die in Ghana 2022 angebaut wurden, zwei Millionen in Monokulturen gehalten . Die Kakaopflanze stammt ursprünglich aus Südamerika, wo sie im Regenwald heimisch und in einer Symbiose mit anderen Pflanzen wächst und von höheren Bäumen beschattet wird. In Monokulturen ist Kakao für Schädlinge und Trockenheit anfällig; deshalb müssen mehr Pestizide und Dünger eingesetzt werden. Das hat auch ökologische Konsequenzen: Kakaoblüten werden durch Mücken bestäubt. Der häufige Einsatz von Neonicotinoiden, in Europa besser bekannt als «Bienenkiller», reduzierte die Bestäuberpopulationen dermassen, dass sich das «Ghana Cocoa Board» (Cocobod) 2017 dazu veranlasst sah, ein nationales Programm zur Handbestäubung von Kakaobäumen zu starten. Rund 30`000 Jugendliche wurden dafür eingestellt . Der Geschäftsführer von Cocobod erklärte, dass die Handbestäubung notwendig geworden sei, weil die Anzahl natürlicher Bestäuber durch den hohen Einsatz von Chemikalien auf den Farmen zurückgegangen sei. Die beiden Wirkstoffe Thiamethoxam und Imidacloprid, die von sehr vielen Kakaobäuer:innen eingesetzt werden, sind Neonicotinoide, die für ihre Gefährlichkeit für Bestäuber berüchtigt – und deswegen in der EU und der Schweiz verboten wurden. Die Kosten für die Löhne zur jährlichen Handbestäubung wurden auf 18 Millionen US-Dollar geschätzt.
Raymond Owusu-Achiaw ist Experte für integrierte Schädlingsbekämpfung und Pestizide bei der ghanaischen NGO «Conservation Alliance International». Seit Jahren versucht seine Organisation gemeinsam mit internationalen Partnern den Kakaosektor fairer und weniger umweltschädlich zu gestalten. Wir besuchen ihn für ein Gespräch im Hauptsitz der NGO in Accra, der Hauptstadt Ghanas. «Die gesundheitlichen Konsequenzen des Pestizideinsatzes im Kakaoanbau sind sichtbar», sagt er. «Bauern erzählen mir von Hautreizungen, brennenden Augen und Atemlosigkeit nach dem Spritzen.» Die Mehrheit wisse zwar mittlerweile, dass der ungeschützte Einsatz von hochgefährlichen Pestiziden ihre Gesundheit gefährdet. «Aber die meisten kämpfen ums Überleben; wollen ihre Ernten um jeden Preis sichern. Die langfristigen Gesundheitsschäden sind deshalb oft zweitrangig.»
Internationale Kakaoeinkäufer, wie Lindt & Sprüngli, entwickelten zwar Policies, die auf dem Papier gut aussähen, sagt Owusu-Achiaw, aber sie hätten meist keine Kontrolle darüber, was vor Ort tatsächlich passiere. «Es geht darum, was auf den Farmen der Kakaobäuer:innen geschieht – und nicht, was in den Nachhaltigkeitsberichten der Schokoladenproduzenten steht.» Er kritisiert, dass die Verantwortung an die Zwischenhändler, die sogenannten Licensed Buying Companies, wie Ecom in Ghana, abgeschoben werde. «Die Unternehmen in Europa schöpfen den grössten Gewinn in der Wertschöpfungskette des Kakaos ab; sie haben deshalb eine Verantwortung gegenüber den Bauern und den kakaoproduzierenden Gemeinden.»
Fehlende Transparenz zu Pestizideinsatz in Lieferketten
Gemäss der deutschen NGO «Inkota», die sich seit Jahren mit dem Einsatz von Pestiziden in Afrika befasst, hat bisher kein grosser Schokoladehersteller eine systematische Dokumentation darüber veröffentlicht, welche Pestizide in der eigenen Lieferkette vorkommen. «Die meisten Unternehmen wissen nicht welche Pestizide wie oft von ihren Bäuer:innen eingesetzt werden», sagt Juliane Bing, bis im Sommer 2025 zuständig für Kakao bei Inkota. «Die Auswirkungen auf die Gesundheit bleiben im Dunkeln, weil es an systematischen Datenerhebungen fehlt bezüglich chronischer Beschwerden aufgrund der Pestizidexposition.»

Im Nachhaltigkeitsbericht von Lindt & Sprüngli für das Jahr 2024 werden Pestizide nicht mit einem Wort erwähnt. Der Begriff «Nachhaltigkeit» erscheint hingegen auf 61 Seiten und teils bis zu 35-Mal pro Seite. Auf der Webseite des «Farming Program» gibt es eine Rubrik mit «häufig gestellten Fragen». Eine davon lautet: «Werden in der Lieferkette von Lindt & Sprüngli Pestizide eingesetzt?». Dort steht unter anderem, dass Lindts lokale Partner Schulungen für die Bauern anbieten, um nachhaltigere Anbaumethoden zu fördern, die darauf abzielen, den Bedarf an Pestiziden in der Kakaoproduktion zu reduzieren. Weiter heisst es: «Im Rahmen unserer Investitionen in die verantwortungsvolle Beschaffung von Kakao, erhalten die Bauern ausschliesslich biologische Betriebsmittel («organic inputs») für ihre Kakaoplantagen.» Gräbt man etwas tiefer, so findet man im «Verification Guidance Document» des «Farming Program» eine Reihe von Kriterien mit Bezug auf den Pestizideinsatz. Lindt & Sprüngli verlangt von Ecom und weiteren Zulieferern in der eigenen Lieferkette, dass:
- die Nutzung von gefährlichen Substanzen minimiert wird und Zulieferer sicherstellen müssen, dass diese sicher gehandhabt werden.
- die Zulieferer sicherstellen, dass Bäuerinnen chemische «Pflanzenschutzprodukte» lediglich als allerletzte Massnahme («last resort») nutzen und andere, manuelle Methoden zur Schädlingsbekämpfung bevorzugen.
- negative Auswirkungen auf natürliche Ressourcen durch ein «Chemikalien- und Abfallentsorgungssystem» («chemical and waste management») minimiert werden. Darunter durch fachgerechte Entsorgung der Pestizidbehälter.
- alle Agrochemikalien an Orten gelagert werden, die gut durchlüftet, ausser Reichweite von Kindern und weit weg vom Essen sind.
- die Personen, welche Pestizide ausbringen, Schutzkleidung tragen, die in gutem Zustand ist.
Wie unsere Recherche in Tepa und Goaso zeigt, werden diese Leitlinien vor Ort nicht befolgt: Der Einsatz von hochgefährlichen Pestiziden wird nicht minimiert, sondern nimmt kontinuierlich zu. Sie werden nicht als «allerletzte Massnahme» eingesetzt, sondern sind in der aktuellen Krise meist die erste Wahl. Von einem «Chemikalien- und Abfallentsorgungssystem» kann keine Rede sein. Auf den von uns besuchten Farmen liegen leere Pestizidbehälter im Gras zwischen den Bäumen. Abgabestellen bei den Agroshops gibt es nicht. Wie die Bäuer:innen erzählen, sammeln sie die Behälter gelegentlich auf und verbrennen sie. Und kein einziger Kakaobauer und keine einzige Kakaobäuerin, mit welcher wir gesprochen haben, nutzt eine vollständige Schutzkleidung «in gutem Zustand» zum Spritzen der Bäume.
In den Agroshops gibt es unzählige Pestizide zu kaufen, viele davon sind aufgrund ihrer hohen Toxizität in der Schweiz und der EU verboten. © Francis Kokoroko
Mitten im Pestizidnebel
Kuma Enoch zeigt uns an einem sonnigen Nachmittag Ende Juni, wie er seine Felder gegen Wanzen spritzt. Es ist um die 30°C heiss und tropisch-feucht. Enoch ist nicht nur Kakaobauer, sondern sprayt gegen Geld auch Farmen von befreundeten Bauern. Gleichzeitig ist er lokaler Einkäufer und kauft Bauern in der Region die getrockneten Kakaobohnen ab, mit Geld, das er von seinem «Do», einem Depotmanager von Ecom, erhält. Ob seine angekauften Bohnen von Ecom anschliessend weiter an Lindt & Sprüngli gehen, weiss er nicht. Er weiss nur, dass mehrere seiner 42 Bauern, von welchen er Bohnen bezieht, Trainings von Lindt besucht haben.
Enoch holt aus seinem Haus eine Flasche «Galil 300 SC», ein Insektizid von Adama mit den Wirkstoffen Imidacloprid und Bifenthrin. Beide sind laut PAN hochgefährlich und in der EU und der Schweiz verboten. Er mischt die klare Flüssigkeit mit einem giftgrünen Dünger und rührt die Lösung mit der blossen Hand. Dann füllt er sie in den Tank seines mit Diesel betriebenen «Mist Blowers», ein Sprühgebläse mit einem Tank für elf Liter Pestizidlösung. Er füllt ihn mit Wasser auf und wuchtet das rund 20 Kilogramm schwere Gerät auf seinen Rücken. Nun reisst er an der Leine zum Starten des Motors. Unter ohrenbetäubendem Lärm stapft er in das Kakaofeld. Dann drückt er den Hebel – ein feiner Tröpfchenregen wird in die Baumwipfel geblasen. Er steht mitten im Sprühnebel; in grauen Shorts und einem roten Poloshirt; mit nackten Füssen in grünen Gummistiefeln. Mit dem schweren Rucksack und Schweiss auf der Stirn geht er von Kakaobaum zu Kakaobaum und atmet die feuchte, von Pestizid und Dünger durchdrungene Luft ein. Nach fünf Minuten ist der Tank leer.
Manchmal, wenn ihm die Tröpfchen der versprühten Pestizidlösung in die Augen gelangen, dann brenne es die ganze Nacht, erzählt er. Vor allem, wenn er «Ridomil» spritze. Ein Fungizid, produziert von Syngenta, einem der weltweit grössten Pestizidhersteller mit Hauptsitz in Basel. Es enthält den Wirkstoff Mancozeb, ein hormonaktiver Stoff, der sowohl die Fruchtbarkeit wie auch das ungeborene Kind schädigen kann . In der EU ist er seit 2020 verboten und in der Schweiz seit 2021 . Enoch weiss, dass er zum Sprayen einen Overall tragen sollte, Handschuhe aus speziellem Gummi, eine Brille zum Schutz der Augen und eine Atemschutzmaske, damit die Chemikalien nicht in die Lunge gelangen. So wird es mit Piktogrammen und englischen Buchstaben auf den Verpackungen von «Galil 300 SC» und «Ridomil» erklärt. Doch bei diesen Temperaturen einen Schutzanzug zu tragen wäre eine Qual, ganz abgesehen davon, dass solche teuer und in dieser Region in den «Agroshops» praktisch nicht verfügbar sind.
Cocobod – der Staat fördert massenhaften Pestizideinsatz
Die staatliche Kakaobehörde Cocobod hat 2001 das «Cocoa Disease and Pest Control-Program» (CODAPEC) initiiert, eine chemische Gegenoffensive gegen die zunehmende Plage durch Wanzen und die schwarze Kapselkrankheit (black pod disease). Mit «Spraygangs», die im ganzen Land unterwegs sind, wird gegen massive Ernteverluste durch die Schädlinge angekämpft. Jede Bäuerin und jeder Bauer hat auf dem Papier Anrecht darauf, dass 0.4 Hektaren (rund dreiviertel eines Fussballfeldes) der Farm kostenlos mit Pestiziden behandelt werden. Dabei wurden auch Neonicotinoide, bekannt als «Bienenkiller», von Cocobod eingesetzt. Darunter das Insektizid «Confidor» mit dem Wirkstoff Imidacloprid, der in der EU und der Schweiz verboten ist. Mindestens bis 2019 wurde es mehrmals pro Jahr (offiziell empfahl Cocobod viermal pro Jahr) auf Kakaofarmen eingesetzt . Welche Pestizide und Wirkstoffe heute versprüht werden, ist nicht bekannt. Cocobod gibt die Liste mit den genutzten Pestiziden auf Anfrage nicht heraus. Wir haben während dieser Recherche mit mehreren CODAPEC-Sprayern gesprochen. Alle beklagten sich über unzureichenden Schutz. Die Schutzkleidung, die sie von Cocobod für die Arbeit zur Verfügung gestellt kriegen, sei von schlechter Qualität. Zum Beispiel würden Schutzhandschuhe, die oft schon nach wenigen Wochen löchrig seien, nur einmal im Jahr ersetzt. Zudem würde Cocobod keine Gesundheitschecks bei den Sprayern durchführen und Kosten für medizinische Untersuchungen nicht übernehmen. Auch Farmen des «Lindt & Sprüngli Farming Program» werden von Cocobod-Spraygangs mit Pestiziden behandelt, wie eine Mitarbeiterin des Unternehmens bestätigt.
Kuma Enoch spritzt spritzt Kakaobäume – ohne Schutzausrüstung. Er ist selber Kakaobauer und arbeitet zusätzlich als lokaler Einkäufer, um den Kakao von verschiedenen Bauernfamilien unter anderem an Ecom und weitere Einkäufer weiterzuverkaufen. © Francis Kokoroko
Baumwolltücher und Sheabutter zum Schutz
In den fünf besuchten Agroshops in Tepa und der näheren Umgebung finden wir keine einzige komplette Schutzausrüstung, die den Guidelines der Weltgesundheitsorganisation WHO entspricht. Zwei Shops verkaufen gar keine Schutzkleidung, zwei lediglich Gummistiefel und Overalls. Nur einer hat auch eine Atemschutzmaske im Sortiment; «die verkaufen wir aber praktisch nie», sagt der Verkäufer. Sowieso werde Schutzkleidung nur selten nachgefragt. Bäuer:innen würden sich eher für den Kauf einer zusätzlichen Flasche Pestizid zum Sichern ihrer Ernte entscheiden, anstelle einer Atemschutzmaske zum Schutz ihrer Gesundheit. Wie wir in Tepa sehen, binden sich manche Bauern und Bäuerinnen – wir sehen auch Frauen beim Spritzen – ein Baumwolltuch vor Mund und Nase und ziehen eine Stoffmütze an, um sich behelfsmässig vor den feinen Pestizidtröpfchen zu schützen. Manche reiben sich auch mit Sheabutter ein, dem Fett aus den Fruchtkernen des Karitébaums. Das Fett lindere die Hautreizung ein wenig, erzählen sie.

Lindt weiss um das Problem der fehlenden Schutzausrüstung und der damit verbundenen Pestizidexposition. Eine Nachhaltigkeitsverantwortliche erzählt im Hintergrundgespräch von ihrer letzten Geschäftsreise nach Ghana vor drei Jahren. Damals habe sie selbst sprayende Bauern in Flipflops gesehen. Trotzdem stellt das Unternehmen den Kakaobäuer:innen im Rahmen des «Farming Program» keine Schutzkleidung zur Verfügung. Danach gefragt, schreibt eine Medienverantwortliche: «Das Verteilen von Schutzanzügen im Programm mit Ecom haben wir mit der Umstellung von Sachprämien auf Bargeldprämien vor einigen Jahren beendet, damit die Bäuerinnen und Bauern selber frei entscheiden können, in welche Hilfsmittel sie investieren.» Lindt & Sprüngli erachtet Schutzkleidung also als Teil der «Prämie» – und nicht als grundlegende Arbeitsausrüstung, die allen Bäuer:innen zur Verfügung gestellt wird, die für das Unternehmen Kakao produzieren. Weiter schreibt Lindt: «Das Verteilen kostenloser Materialien kann zu Abhängigkeit, Nicht-Nutzung oder Weiterverkauf führen, wenn die Empfänger:innen die Artikel nicht wertschätzen.» Lindt & Sprüngli lege den Fokus darauf, Bewusstsein für die Notwendigkeit von Schutzkleidung zu schaffen und «kontinuierlich auf die Gefahren von gewissen Pestiziden hinzuweisen». Doch dafür hat der Schweizer Kakaokonzern in Ghana mit Ecom auf einen fragwürdigen Partner gesetzt.
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Zu Ecoms Unternehmensgruppe in Ghana gehören verschiedene Tochtergesellschaften. Neben der Sparte «Ecom Sustainable Management Services», die für Lindt & Sprüngli das «Farming Program» umsetzt, gehört auch «Crop Doctor» dazu. Diese Tochtergesellschaft hat sich auf den Verkauf von Agrochemikalien und Landwirtschaftsmaschinen spezialisiert. Im Sortiment finden sich Eigenmarken wie «Commander» (Wirkstoff Imidacloprid), «Rockstar» (Wirkstoff Bifenthrin) und «Skope 370 WP» (Wirkstoff Mancozeb) . Alle Wirkstoffe sind hochgefährlich.
Jessica war von 2013 bis 2019 in verschiedenen Funktionen im Bereich Nachhaltigkeit für Ecom in Ghana tätig. Ihren richtigen Namen möchte sie für sich behalten. Sie habe sich stets am Pestizidgeschäft von Ecom gestört, erzählt sie. «Ecom wollte von seiner guten Position in der Kakao-Wertschöpfungskette profitieren. Und mit den hohen Margen im Pestizidgeschäft machten sie gute Gewinne.» Das Ecom-Management wies die Agronom:innen an, die Nähe zu den Kakaobäuer:innen im Rahmen des Lindt-Programms bewusst zu nutzen, um Crop Doctor-Produkte zu verkaufen. In den Trainings habe Ecom den Bäuer:innen zwar durchaus die integrierte Schädlingsbekämpfung gelehrt, die vor allem auf biologische Massnahmen setzt und in welcher synthetische Pestizide tatsächlich nur als «last resort» vorkommen. «Aber gleichzeitig haben sie den Farmern die firmeneigenen Pestizide von Crop Doctor als Mittel der Wahl verkauft», erzählt die frühere Ecom-Mitarbeiterin. «Das ist schon ziemlich widersprüchlich.» Zwei weitere frühere Ecom-Mitarbeitende haben uns bestätigt, dass Ecom über Jahre hinweg Pestizide im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsprogramme verkauft hat.
Auch Kinder sind den Pestiziden ausgesetzt
Auch Sampson möchten seinen wahren Namen nicht in diesem Bericht lesen, weil er sich vor Repressalien fürchtet. Er ist ausgebildeter Agronom und hat von 2014 bis 2019 bei Ecom gearbeitet und war als Field Officer in der Region Western für die Implementierung des «Farming Program» zuständig. «Ecom gehörte in Ghana zu den ersten, die im Rahmen ihrer Trainings Pestizide vertrieben», sagt er. «Was von aussen so aussah, als würden sie den Bauern helfen, war in Realität ein Weg, um auf deren Kosten noch mehr Profite zu erzielen.» Er habe während der Trainings für Lindt pro Jahr für 15’000 US-Dollar Pestizide und Dünger an die Bauern verkaufen müssen. «Das war Teil der Zielvorgaben, nach welchen meine Leistung bewertet wurde.» Als er angefangen habe, hätten die wenigsten Kakaobäuer:innen regelmässig Pestizide gespritzt, erzählt Sampson. «Sie hatten ihre eigenen traditionellen Methoden für die Schädlingsbekämpfung.» Er habe den Bäuer:innen in den Trainings trotz der Verkaufsziele jeweils erklärt, dass die chemischen Pestizide nicht nur die Schädlinge, sondern auch die Nützlinge töten und die Bodenmikrobiologie zerstören. Besonders verstörend war für ihn, dass er auf den Kakaofarmen, auf welchen er Trainings organisierte, auch immer wieder auf Kinder traf, die den Pestiziden ausgesetzt waren. «Sie hatten wässrige Augen und erzählten, dass ihre Haut brenne.»
Laut einer Studie der University of Chicago hat die Anzahl Kinder, die in Ghana und Côte d’Ivoire schädlichen Pestiziden ausgesetzt sind, in den vergangenen Jahren stark zugenommen. 2014 waren es zehn Prozent der Kinderarbeiter; fünf Jahre später bereits 27 Prozent. Es ist zumindest plausibel, dass darunter auch Farmen sind, die für Lindt & Sprüngli produzieren. Journalist:innen der SRF-Rundschau haben 2023 mehrere Kakaofarmen in Ghana besucht, die Teil des «Lindt & Sprüngli Farming Program» sind. Auf zahlreichen fanden sie missbräuchliche Kinderarbeit.

Auch Kinder sind den Pestiziden ausgesetzt
Laut einer Studie von Forschenden der University of Chicago aus dem Jahr 2020, arbeiteten 2019 1.5 Millionen Kinder auf den Kakaoplantagen in Ghana und Côte d’Ivoire. Gemäss dieser Studie hat die Zahl der Kinderarbeiter in Ghana und Côte d`Ivoire, die schädlichen Pestiziden ausgesetzt sind, stark zugenommen. 2014 waren es zehn Prozent, 2019 bereits 27 Prozent. In Ghana arbeiten über 700’000 Kinder bis heute auf Kakaoplantagen – meist helfen sie der Familie bei der Ernte oder öffnen die Kakaoschoten mit einer Machete, um die Bohnen herauszulösen. Sie kommen zum Beispiel mit Pestiziden in Kontakt, wenn sie in der Nähe einer kürzlich gespritzten Farm arbeiten oder unabsichtlich in eine Farm eintreten, die zuvor gespritzt wurde. Eine indirekte Exposition ist auch möglich, wenn sie mit der zum Sprayen benutzten Kleidung des Vaters oder der Mutter in Kontakt kommen. Auch Säuglinge sind bereits den Pestiziden ausgesetzt, wenn Mütter die Babys während der Feldarbeit bei sich auf dem Rücken tragen, wie es in vielen Ländern Afrikas üblich ist.
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Vielen Dank für deine Spende!Mit den Aussagen der ehemaligen Angestellten konfrontiert, schreibt Ecom, dass die direkte Distribution und «Verkaufserleichterung» durch die Field Officers 2020 «formell» eingestellt worden sei. Ecom bestätigt, dass auch Pestizide mit den Wirkstoffen Imidacloprid und Bifenthrin an die Bäuer:innen vertrieben wurden. Gleichzeitig betont das Unternehmen, dass sämtliche vermarkteten Pestizide von den zuständigen Aufsichtsbehörden Ghanas vollständig für die Verwendung bei Kakao zugelassen waren. Ehemalige Mitarbeitende erzählen, dass Ecom die direkte Distribution erst 2023 eingestellt hat. Dies in erster Linie, weil viele Bäuer:innen die Kredite, die ihnen Ecom für den Kauf der eigenen Produkte gewährt habe, nicht mehr zurückzahlen konnten. Das sei schlecht fürs Geschäft gewesen.
«Offiziell sagen Ecom und Lindt, dass sie die Bäuer:innen schützen», sagt Sampson. «Aber wenn man die Farmen regelmässig besucht, merkt man sehr schnell, dass dies nicht stimmt.» Das Einzige, was für Lindt & Sprüngli wirklich gezählt habe sei, dass er und seine Kolleg:innen bei Ecom sicherstellten, dass die Bäuer:innen hohe Ernten produzierten und immer genügend Kakao verfügbar war. 2022 hatte Sampson genug von den globalen Rohstoffhandelskonzernen in seinem Land. Er gründete seine eigene NGO, mit welcher er vor allem Frauen im Kakaosektor stärken will. Er lehrt ihnen den biologischen Kakaoanbau und wie sie mit selbst hergestellten Extrakten aus den Samen des Niembaums und Teilen der Kakaofrucht Schädlinge vom Feld abhalten können. «Das ist für die Bäuerinnen günstiger, gesünder und zahlt sich mittelfristig auch in besseren Ernten aus», sagt er.
Die Farm den Schädlingen überlassen
Osei Kwame Williams, der Inhaber des «demo plots» in Mfanibu, hat den Kakaoanbau mittlerweile an den Nagel gehängt. Er arbeitet jetzt fünf Tage pro Woche als Minibus-Chauffeur. Damit verdiene er mehr als er aktuell mit Kakao umsetzen könne, sagt er. Das reiche zwar nur knapp, um die Familie mit fünf Kindern zu ernähren und die Schulgebühren zu bezahlen. «Aber wenigstens habe ich ein sicheres tägliches Einkommen.» Jetzt wäre eigentlich die Zeit, um die jungen Kakaoschoten zu spritzen, sagt der Kakaobauer, so wie er dies früher immer getan habe. «Aber wer kein Geld hat, um sich Pestizide zu kaufen, der überlässt die Bäume halt den Schädlingen.»

Ob er noch Teil von Lindt & Sprünglis «Farming Program» ist, weiss er nicht. Auf seinem Plot hätten jedoch seit Jahren keine Trainings mehr stattgefunden. Nach 2017 seien die Ecom-Agronom:innen und gelegentlichen Lindt-Delegationen aus der Schweiz seiner Farm ferngeblieben. Weshalb, wisse er nicht. «Ich fühle mich betrogen», sagt er. Für Lindt & Sprüngli hingegen zählt Mfanibu noch immer zu den aktiven «demo plots». Auf Anfrage schreibt das Unternehmen, dass derzeit 13 solche «demo plots» in Tepa und 37 in Goaso aktiv seien; «einer davon in Mfanibu».
Recherche & Text: Samuel Schlaefli, Mitarbeit in Ghana: Kwetey Nartey, Bilder: Francis Kokoroko
Mehr Informationen:
Reportage von SRF : «In Schweizer Schoggi steckt Kinderarbeit» vom 10.01.2024
Bericht von Inkota : «Pesticides in cocoa production: Highly hazardous for cocoa farmers and the environment» von April 2022 (auf Englisch)
Recherche von Public Eye: «Verbotene Pestizide: Massive Zunahme der Exporte aus der EU» vom 23.09.2025
Bericht von NORC: «Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa Production in Cocoa Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana» von Oktober 2020 (auf Englisch)
Weitere Fallbeispiele